ZUM KENNENLERNEN: ein Kennenlern-Café für Flüchtlinge

23.05.2016 | 00:00

Was kann es Unpersönlicheres geben als einen viereckigen Raum mit rotem Kunststoffboden, gelben Wänden und einer Fensterseite? So ein langweiliger Raum, hier im Bürgerhaus am Osdorfer Born, Bornheide 76, kann für ein paar Stunden der Himmel auf Erden sein.

Es herrscht fröhlicher Lärm. Kinder flitzen herum und spielen Fangen, an Tischen in der Mitte sitzen Gruppen von Männern, Frauen und Teenagern, schwatzen ein bisschen, während sie nähen, buntes Papier ausschneiden und aufkleben, Perlen aufziehen, sich an Nähmaschinen versuchen und mit Buntstiften auf Tapetenrollen malen. Daneben stehen Kinderwagen und an der Wand, auf ein paar Polstern, beugen sich schon etwas größere Jungen über ein Schachspiel oder vertiefen sich in ihre Deutsch-Lehrbücher, betreut von ehrenamtlichen Helfern.

Es ist Dienstagnachmittag, Zeit für das Kennenlern-Café, das ein paar Ehrenamtliche im Oktober ins Leben gerufen haben, um Flüchtlingen aus den nahen Erstaufnahmen am Rugenbarg eine Abwechslung zu bieten für die Öde ihrer Unterkünfte. „Am Anfang waren viele skeptisch, vor allem die Männer wollten wissen, ob sie ihre Frauen hierher lassen könnten. Inzwischen hat sich alles gut eingespielt“, sagt Helferin Julia Engelbrecht-Schnür. Die Journalistin aus Nienstedten sprudelt, wenn sie berichtet, was hier schon alles unternommen worden ist. „Wir haben gekocht, waren bei Hagenbeck, am Strand in Wittenbergen. Aber wir haben den Flüchtlingen, die meisten hier sind Syrer und Afghanen, auch unser Weihnachten gezeigt, mit Kerzen, Keksen und Liedern.“

An einem Tisch sitzt ein älterer Herr, auch Ehrenamtlicher, mit einer Gitarre. Ein kleines Mädchen interessiert sich brennend dafür, woher die Töne kommen, sorgsam beobachtet von der Mutter. Es darf mal an den Saiten zupfen und freut sich über den Klang. „Es macht so große Freude, diesen Menschen etwas Abwechslung zu bieten. Sie sind so glücklich und dankbar. Die Kinder sind gut erzogen, die Jungen höflich und viele Erwachsene sehr gebildet“, sagt Engelbrecht-Schnür und deutet auf einen Mann mit graumelierten Haaren, der sich mit dem Schreiben deutscher Wörter müht: „Ein Geschichtslehrer in seiner Heimat“, sagt sie.

Das „Café“ findet immer dienstags von 15 bis 17 Uhr statt. Jeder kann kommen und helfen. „Schön wäre es, wenn jemand Bälle mitbringen könnte, in allen Größen. Bei gutem Wetter wollen wir draußen spielen. Da sind Bälle einfach toll.“ Spricht's, springt auf und  schlägt mit einem großen Mädchen ein Seil, über das sofort drei Kinder voller Wonne hüpfen. Wie schön so ein langweiliger Raum sein kann, wenn er sich mit Leben füllt. Die sechs Ehrenamtlichen, die heute hier helfen, gehen zufrieden nach Hause. Bis zum nächsten Dienstag.

Gisela Reiners, 23.5.2016

Zurück