Als Mönch zu Fuß nach Rom

17.08.2016

Der spätere Reformator Martin Luther kam, wie viele Christen vor und nach ihm, als papsttreuer Pilger nach Rom. Bei Luthers Besuch in Rom als fast 30-jähriger Mönch erlebte er die Stadt der Päpste mitten im Umbruch. Die im Mittelalter auf die Dimension einer unbedeutenden Kleinstadt geschrumpfte Metropole war im Begriff, sich in den Formen der Renaissance neu zu erfinden. Wer heute aufmerksam durch die "Ewige Stadt" streift, findet noch immer Spuren des Reformators. Info

 

 

Unkomplizierte Hilfe via ServiceTelefon

15.08.2016

Vor zwei Jahren ging das ServiceTelefon Kirche und Diakonie Hamburg an den Start, eine Einrichtung des Ev.-Luth. Kirchenkreisverbandes mit Sitz in Altona. Wer Kontaktdaten zu einer kirchlichen oder diakonischen Einrichtung sucht, Fragen hat zur Kirchenmitgliedschaft oder Lebenshilfe benötigt, dem hilft das Team flexibel und unkompliziert

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Bitte vormerken: Adventskalender 2016

15.08.2016

Bereits zum dritten Mal und in diesem Jahr in einer Auflage von 2.500 Stück ist der Blankeneser Adventskalender wieder ab Ende Oktober zu haben. Größere Mengen können ab sofort vorbestellt werden!

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Streit auf Augenhöhe schlichten

15.08.2016

Vor den Ferien haben sich acht SchülerInnen der Klassenstufen 5 und 6 von zwei Sozialpädagoginnen und einer FSJ-lerin der Schule als Streitschlichter ausbilden lassen. In einer Stunde pro Woche haben sie sich mit dem Thema „Konflikte in der Schule“ beschäftigt.

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Ein dialogfähiger Papst hat den richtigen Ton gefunden

24.06.2015 | 00:00

„In jedem Laut dieser Welt ein Geheimnis“ (Al Khawwas) - Kommentar von Prof. Hermann Häring

Was für ein Dokument! 1968 schrieb Walter Jens zu einem aufsehenerregenden Artikel von Hans Küng: „Dieser Glücksfall! … Kühn in die Lüfte steigend eine Rakete, abgefeuert in helvetischen Marken, nun über Tübingen kreisend … und die Frage auslösend: sollte der Papst kein Leser von ATTEMPTO sein – wie können wir ihm unsere Zeitschrift zugänglich machen?“ Jetzt haben sich die Zeiten geändert. Der Papst selbst feuert eine weithin leuchtende Rakete ab, die über der ganzen Welt kreist und mich fragen lässt: Sollte nicht alle Welt diese Enzyklika lesen? Wie können wir den Regierenden diesen Text zugänglich machen? Doch keine Angst, sie werden ihn lesen. Barack Obama und Kofi Annan haben ihn schon positiv gewürdigt, ebenso Repräsentanten anderer Kirchen und der Club of Rome.

1. Eine andere Enzyklika

LAUDATO SI‘, die Umweltenzyklika von Papst Franziskus, wurde schon lange erwartet, dennoch hat sie die meisten überrascht. Klischeehaft, fast hilflos wirken erste Reaktionen: eine Enzyklika zur rechten Zeit und ein grüner Papst, radikale Kapitalismuskritik und der Geist Lateinamerikas, Kampf gegen den Klimawandel und Schutz der Artenvielfalt, lieber zweiten Pulli als zu viel Heizung. Ein cleverer süddeutscher Bischof wirbt sofort für die Photovoltaik-Anlagen seiner bischöflichen Häuser. Das alles mag ja richtig sein, trifft aber nicht den Kern, der sich offensichtlich erst auf den zweiten Blick erschließt. „Laudato si‘“, kann man da nur sagen, gepriesen sei Franziskus für dieses erstaunliche, großartige, in vieler Hinsicht beispielhafte und hoffentlich stilbildende Dokument.

Ich beginne mit scheinbar Nebensächlichem. Die komplizierte Adresse früherer Enzykliken ist verschwunden; der Papst wendet sich schlicht an alle Bewohner dieser Erde. Vor uns liegt ein Dokument, das auf weite Strecken hin sachlich, geradezu unwiderlegbar dokumentiert. Nur selten spricht der Papst von der Kirche, einige unvermeidliche Formeln und Zitate von Dritten ausgenommen; nur einmal spricht er von der christlichen, nie von der kirchlichen Tradition. Auch erschöpft er sich nicht in der endlosen Repetition früherer Lehramtsdokumente, sondern zitiert Bischofskonferenzen aus aller Welt, aus Argentinien, Bolivien, Deutschland, Japan, Kanada, Lateinamerika, Südafrika und den USA. Zitiert werden ferner Bartholomäus I., Patriarch von Konstantinopel, Romano Guardini, Paul Ricoeur und der lange verfemte Teilhard de Chardin, zum größten Erstaunen sogar ein sufischer Dichter aus dem 9. Jahrhundert, Ali Al-Khawwas, dessen schönes langes Zitat leider in eine Fußnote verbannt bleibt.

Diese Enzyklika argumentiert von der Sache her, und wenn der Papst persönlich zu Wort kommen will, verwendet er das einfache Pronomen „ich“. Nicht kraft höherer Autorität, sondern als engagierter Gesprächspartner tritt er uns gegenüber: „Angesichts der weltweiten Umweltschäden möchte ich mich jetzt an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt… In dieser Enzyklika möchte ich … mit allen ins Gespräch kommen.“ [3] Diese Zurückhaltung tut allen gut und weckt Interesse an dem, was dieser Mann, der die Elenden seines Landes kennt, sagen möchte. So gesehen ist die Enzyklika kirchlicher als zahllose andere, weil sie die Kirche nicht zu einem autoritären Machtapparat verfremdet, sondern als gesprächsfähige Gemeinschaft ernst nimmt und sie an ihre eigenen Grenzen führt. Bei so viel Stilbruch verwundert es nicht, dass konservative Vatikanbewohner den theologischen Charakter dieser Enzyklika anzweifeln möchten.

 

2. Ein sachkundiges Dokument

Natürlich hat sich der theologische Charakter geändert. Wie man hört, sollte ursprünglich LAUDATO SI‘ mit theologischen Grundsatzerklärungen beginnen. Jetzt beginnt es „von unten“, mit der Empirie. Was unserem Haus widerfährt, lautet der Titel des ersten Kapitels. Konkret benennt es die zentralen ökologischen, zugleich soziopolitischen Themen, mit denen sich die Wissenschaften, die internationale Politik und aufsehenerregende Weltkonferenzen, umgetrieben von einem bedrohten Weltalltag, beschäftigen: Weltklima und Erdverschmutzung, Sorge um die biologische Vielfalt, die Verödung von Städten und Landschaften, eine von Überproduktion gefährdete, auf Monotonie hin tendierende und Hunger zulassende Weltwirtschaft, ein Konsumismus, unter dessen Schleier sich eine destruktive Vereinsamung breit macht. Dieses Kapitel ist unwiderlegbar, weil es (von wissenschaftlicher Sachkunde abgesichert) vielfache, höchst sensible und gefährdende Prozesse benennt, darüber einen Dialog fordert und selbst die unterschiedlichen Folgerungen als Anlass zu differenzierten Diskursen aufgreift.

Dieser Papst ist also kein Ideologe, auch wenn er entschieden an seiner Grundthese festhält. Er spricht von der menschlichen Wurzel der ökologischen Krise (Kapitel III), in vieler Hinsicht eine Selbstverständlichkeit. Er anerkennt die großen Fortschritte von Medizin, Ingenieurswissenschaften und Kommunikationswesen ebenso wie das Bemühen vieler um nachhaltige Fortschritte, doch sieht er die Menschheit insgesamt im Bann eines technologischen Paradigmas, gegen das er alle Kräfte mobilisieren will. Wir brauchen „einen anderen Blick …, ein Denken, eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil und eine Spiritualität“, die diesem Paradigma Widerstand leistet. Fern von allem Pessimismus hält er eine Wende für möglich.

Diese Analysen führen ihn im vierten, vielleicht in sich ausgewogensten aller Kapitel, zum Programm einer ganzheitlichen Ökologie (Kapitel IV), das der hohen Komplexität der Krise Rechnung tragen soll. Der Kampf gegen die Armut und die Sorge für die Natur gehören unlösbar zusammen. Die Anstrengungen sind auszuweiten zu einer Ökologie der menschlichen Kultur, einer sorgsamen und menschenfreundlichen Gestaltung des Alltagslebens, dies alles gesteuert vom Prinzip des Gemeinwohls und abgestimmt auf eine generationsübergreifende Gerechtigkeit. Gewiss, der Papst fordert einen revolutionären Wandel in unserer Gesinnung, aber von gewaltsamem Umsturz keine Spur. In diesem ganzheitlichen Zusammenklang, in dem das eine Bestreben das andere nicht zerstört, erwartet er eine „echte Menschlichkeit, die zu einer neuen Synthese einlädt … gleichsam unmerklich, wie der Nebel, der unter der geschlossenen Tür hindurchdringt.“ [112]

Deshalb folgt ein eigenes Kapitel, das keine autoritären Folgerungen zieht, sondern zum Dialog mit den gestaltenden Kräften der Welt aufruft: mit der internationalen Politik, den jeweils lokalen Entwicklungen vor Ort und der Wirtschaft (die unter dem Primat der Politik zu stehen hat), dies alles im Rahmen transparenter Entscheidungsprozesse und im Blick auf die „volle menschliche Entfaltung“[189].

 

3. Weisheit und Kraft der Religionen

Man mag sich fragen: Wo sind in diesem durch und durch menschenfreundlichen, von humaner Ethik getragenen Dokument Religion und Theologie geblieben? Sie sind nicht verschwunden, aber sie haben die Position einer autoritär dekretierenden Wahrheit aufgegeben. Sie finden im zweiten und – von paradigmatischer Bedeutung - im letzten Kapitel des Dokuments ihren Ort; das verändert ihre Tonlage, jetzt kommt es an auf ihre Wirklichkeitskompetenz.

Der Glaube erklärt keine abstrakte Wahrheit, sondern wirft auf die Krisensituation ein Licht; das ist keine definierende, sondern eine deutende Funktion. Gemäß LAUDATO SI‘ bieten die biblischen Erzählungen keine schlüssige Weltinterpretation, die sich in Ontologie, etwa in ein zwingendes Menschenbild umsetzen lässt, sondern ganz unprätentiös eine hilfreiche Weisheit, die zur Achtung vor Mensch und Natur einlädt.

In der Mitte von Kapitel II scheint der Papst zu seiner eigenen Sprache, zum persönlich tragenden Kern seiner Botschaft zu finden. Er beschreibt das Universum als einen „Ausdruck der Liebe Gottes, seiner grenzenlosen Zärtlichkeit“. In aller Wirklichkeit sieht er „eine Liebkosung Gottes“. Orte können zu Orten der „Freundschaft mit Gott“ werden, an denen wir unsere Identität wiederfinden können [84]. Gott habe mit der Natur „ein kostbares Buch“ geschrieben. Man hört Ignatius, der seine Jünger lehrt, Gott in allen Dingen zu finden. Dazu gehört die „innige Verbundenheit“ des Papstes mit den Armen, und hier findet sein leidenschaftlicher Aufruf für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung seine spirituelle Mitte, gespiegelt in Jesu rührender „Zärtlichkeit“, gemäß der Gott keinen einzigen Spatzen vergisst [96].

Auf diese innere Wärme stoßen wir erneut im letzten Kapitel Ökologische Erziehung und Spiritualität. Auch jetzt wird keine abstrakte Wahrheit entwickelt, sondern der leidgeprüften Weltvernunft von Menschen beigestanden. Dieses letzte, durchaus anspruchsvolle Kapitel VI liest sich leicht, weil zuvor geklärt ist, was auf dem Spiel steht und weil es religiös engagierten Menschen mitzuteilen weiß, worauf es ankommt. Klar wird in ihm, was der spezifische Beitrag der Religionen, insbesondere des Christentums sein kann, was eine rein rationale Analyse nicht leistet, so leidenschaftlich sie auch sein mag. Es ist das Angebot eines „anderen Lebensstils“, eines vorbehaltlosen Bündnisses mit Menschheit und Umwelt, einer ökologisch orientierten „Umkehr“ mit all den ihr eigenen Tugenden der Dankbarkeit, der Genügsamkeit und der Bereitschaft, für andere einzustehen; man könnte von einem Ethos reden, das alles ethische Pflichtbewusstsein überschreitet. Wer der inneren religiösen Triebkraft von LAUDATO SI‘ auf die Spur kommen will, sollte die Lektüre mit diesem Kapitel beginnen.

 

4. Die Diskussion ist eröffnet

Papst Franziskus wagt mit dieser Enzyklika alles. Er lädt die gesamte Menschheitsfamilie zu einem Gespräch über die Erhaltung der Erde ein und koppelt es mit seiner Option für die Armen. In wiederholten Anläufen überhäuft er Leserinnen und Leser mit einer Überfülle von Beispielen und Fakten, die gegen Ende manchen ermüden; weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Klar ist aber auch, dass er damit innerkirchliche Debatten auf den zweiten Rang verdrängt und sich – in aller Liebenswürdigkeit - vor kritischen Bemerkungen gegenüber kirchlichem Verhalten nicht scheut. Nicht nur Insidern ist klar, dass er mit seiner säkularen Thematik der Egozentrik nicht nur der Kirche, aber auch der Finanzwelt, Wirtschaft und Politik einen unmissverständlichen Riegel vorschiebt. Zudem führt er als erster Papst in einem hochoffiziellen Dokument – ganz unprätentiös – auf methodischer Ebene ein theologisches Paradigma ein, das „von unten“, also mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit beginnt und das christliche Denken so zu einem aktuellem und gesprächsfähigen Denken zwingt. Nur im Rahmen dieser Hochachtung seien einige Bemerkungen gestattet, die den Wert dieser Enzyklika nicht mindern, sondern zu ihrer Vertiefung anregen wollen.

LAUDATO SI‘ bewegt sich auf einer Grenze. Es wendet sich offen dem Weltdialog zu, ist aber immer noch einem innerkatholischen Perfektionismus verhaftet. Es will die hohe Komplexität einer ganzheitlichen Ökologie thematisieren und ausschöpfen und rührt an manchen Stellen an eine inhaltliche Überkomplexität, die sprachlich kaum noch zu meistern ist, weil sie sich zwischen universalen und konkreten Details aufreibt. Es wäre um vieles einfacher gewesen, einschlägige Literatur zu nennen und auf schon lange stattfindende Debatten zu verweisen. Das verdienstvolle Buch von Leonard Boff kommt leider nicht vor. Vergessen ist der konziliare Prozess zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, den der Weltrat der Kirchen schon 1983 angestoßen und mit viel Erfolg durchgeführt hat. Projekte wie Weltethos und Compassion sind nur zwei der zahlreichen Impulse, die eine neue, universal orientierte Sorge für die Menschheit schon vorweggenommen haben. Eine Enzyklika, die nicht unbefangen auf Diskussionen zurückgreift, die in eigenen Reihen schon seit Jahrzehnten geführt werden, macht es sich unnötig schwer.

Verwirrung schafft auch die Überzahl der ‑ überschlägig etwa zwanzig ‑ ideologie-, kultur- und gesellschaftskritischen Kategorien, die seit 60 Jahren im Umlauf sind. In ihrer Summe schaffen sie eher Unklarheit, da jede ihren eigenen Ort hat.

Unklar blieb mir auch, wie das Dokument die (unheilvolle) Rolle des Menschen genau beschreibt. Zunächst erscheint der Mensch als ein Wesen, das die gegebenen Herausforderungen noch nicht bewältigt, in etwa selbst (noch) ein Opfer der rasanten Entwicklungen ist und die Freiheit hat, das Steuer herumzureißen. In Kapitel III/3 [115-123] verschärft sich der Ton. Jetzt versagt sich der Mensch eigenwillig seinen Verpflichtungen. Er stimmt dem verderblichen „Relativismus“ zu, den das Dokument eher als Opportunismus interpretiert. In diesen Passagen häufen sich die Berufungen auf Benedikt XVI. und Johannes Paul II.. Unmerklich erhält der Gedankengang eine nahezu ideologische Note und man denkt an die Unklarheit des bekannten Satzes „Diese Wirtschaft tötet“, der in seiner Unschärfe bis heute kontrovers ausgelegt wird.

Nicht einverstanden muss man mit den Ausführungen zur „Reduzierung der Geburtenrate“ [50] sein. Die historisch abgesicherten, erzählend fiktionalen und symbolisch visionären Anteile des päpstlichen Jesusbildes [96-100] hätten genauerer Unterscheidung bedurft, und vermutlich werden viele Nichtchristen und Christen der Erhöhung Maria zur Königin der Schöpfung nicht folgen, so eindrücklich die Metapher von der Frau, mit der Sonne bekleidet und dem Mond unter ihren Füßen auch ist [241]. Umso mehr Zustimmung wird das „Gebet für unsere Erde“ finden, mit dem der Papst uns beschenkt hat.

Eine Besprechung kann die Lektüre dieses hochinteressanten, sachkundigen und vielseitigen Dokuments nicht ersetzen. Wichtig wird sein, dass es vielfältige, kontroverse und konsensbildende Diskussionen hervorruft; die aufgerufene Thematik hat dies mehr als verdient. Der französische Soziologe Edgar Morin, wohlgemerkt kein Christ oder Gläubiger, spricht von einem „providentiellen“ Dokument, das unseren Blick auf die Breite und Komplexität des ökologischen Problems lenkt und es unter der Metapher vom „gemeinsamen Haus“ zu integrieren weiß - eine Metapher übrigens, die von Gorbatschow stammt.

Die Rakete ist gestiegen. Als Mitbewohner dieser Erde wünschen wir ihr eine stabile Umlaufbahn im Orbit unserer geschundenen, doch immer noch blau leuchtenden Erde.

24.06.2015

 

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