Lotsen und Navigieren auf der Niederelbe

Im Irrgarten der Niederelbe

Man schreibt das Jahr 9 v. Chr. Der römische Feldherr Drusus erkundet die Elbe mit einer Flotte, segelt von Mainz den Rhein abwärts und die Elbe hinauf bis zum heutigen Magdeburg. Nachdem er die Aktion wegen eines Beinbruchs abbrechen muss, stranden seine Schiffe auf den Sänden vor Blankenese. „Die germanischen Flussgötter halten uns fest!“ fürchten die Römer und bringen auf dem Süllberg eine Opfergabe. Und siehe da, das Opfer wird angenommen, das Wasser steigt, die Schiffe kommen frei. Doch Drusus stirbt an seinem Bruch.

Für ortsunkundige Schiffer war und ist es häufig so: Die Elbe ist ein höchst tückisches Gewässer. Mal ist sie (bei Hamburg) nur einige hundert Meter breit, dann wieder misst sie mehr als 30 km vom einen zum anderen Ufer. An manchen Stellen hat sie eine Tiefe von 20 Metern, andere konnte man nur bei Hochwasser passieren. Hinzu kommen die Auswirkungen der Tide und die immer schnellere Fliessgeschwindigkeit des Stroms.
Die Blankeneser Barre war beispielsweise eines der Unterwasserhindernisse, das große voll beladene Schiffe im 18. und frühen 19. Jahrhundert nur bei besonderen Wasserständen überwinden konnten. Deshalb leichterte oder vervollständigte man die Beladung dieser Schiffe vor Blankenese und versucht ab 1835, das Hindernis wegzubaggern.

Noch gefährlicher war und ist die Außenelbe mit ihrer steilen Dünung, den häufigen Stürmen, ihren verzwickten Strömungen und wandernden Sänden. Letztere stecken voller Schiffswracks, wie z.B. das der „Gottfried“, einer im März 1822 untergegangenen Schoner-Galeasse, die altägyptische Kunstwerke im Wert von ca. 10 Mio. Euro mit in die Tiefe riss. Sie sollten den Grundstock des Ägyptischen Museums Berlin bilden.
1991 meinte man schon, das frisch lokalisierte Wrack Nr. 1531 sei das Schatzschiff. Doch es war ein Irrtum.

Stürme, Strömungen, Tiden, und Baggerarbeiten lassen Sände und Untiefen auch heute ständig wandern. Allein im Medemsand sollen vermutlich mehr als 600 Wracks stecken.
Schon 1295 wurde eine hölzerne Feuerblüse auf Neuwerk notwendig, die Vorläuferin des 1377 errichteten Wehrturms. Beide dienten der Schifffahrt als Richtzeichen. 1440 folgten erste Fahrwassertonnen in der Außen-Elbe. Und immer wieder suchten Schiffer nach Ortskundigen, die einen sicheren Weg durch den Fahrwasser-Irrgarten nach Hamburg wussten!

Eine dazu passende Anekdote ist die Geschichte des Elb-Lotsen, der vor einigen Jahren den bundesdeutschen Zerstörer „Mölders“ bei schwerem Wetter elbaufwärts geleitete. Die Empfehlungen, die er dem Kommandanten gab, wurden in Befehle umgesetzt und durch die hierarchische Ordnung der Dienstgrade zum Rudergänger weitergegeben. Das dauerte. Der Rudergänger wiederum bestätigte jedes ausgeführte Kommando. Seine Antwort lief über die Dienstgrade zurück zum Kommandanten. Erst dann konnte ein neuer Befehl erteilt werden.
Doch das Wetter wechselte immer schneller, deshalb waren nicht nur schnelle Empfehlungen, sondern deren umgehende Ausführung notwendig. Schneesturm behinderte die Sicht. Der erfahrene Lotse wurde nervös. Jeden Augenblick konnte das große Schiff auf einen Sand laufen oder mit einem anderen Schiff kollidieren. „So“, sagte er deshalb und wandte sich direkt an den Rudergänger, „nu heuert wi mit denn Speelkrom op! Nu segg ick di wat mokt ward!“
Auf diese Weise führte er den Zerstörer sicher und wohlbehalten nach Hamburg. Der Kommandant allerdings war außer sich, beschwerte sich beim BM Verteidigung. Der reichte die Beschwerde weiter an den Bundesverkehrsminister, dem die Lotsenbrüderschaften de jure unterstehen. Doch der hat keine disziplinarischen Eingriffsmöglichkeiten. Die Beschwerde verlief deshalb im Sand – oder lief sie auf einen Elbsand?

Wenn Sie mehr über das Thema „Lotsen und Navigieren auf der Niederelbe“ wissen wollen, sollten Sie sich folgende Termine des „Förderkreises Historisches Blankenese“ vormerken:

Am 1. Juni 2014 | 14 bis 19 Uhr Fischerhaus, Elbterrasse 6
Lotsen-Fest, kurze Andacht, der Lotsenchor begleitet durch den Tag, die DGzRS ist vor Ort u.a.m.
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28. Mai – 31. Juli 2014
Ausstellung „Lotsen und Navigieren auf der Niederelbe“
HASPA, Erik-Blumenfeld-Platz 25
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02. bis 22. Juni 2014
Ausstellung „Lotsenboote & dicke Pötte“ des Fotografen Thomas Kunadt
Gemeindehaus, Mühlenberger Weg 64 a, montags bis donnerstags von 9 – 12 und 15 - 17 Uhr, freitags 9 – 12 Uhr.

 

Ronald Holst

Ort: Fischerhaus

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