Ute Klapschuweit: 'Der letzte Tanz'

Ausstellung im Gemeindehaus der Kirche am Markt

10.2. - 23.3.2016
Ausstellung im Gemeindehaus der Ev.-luth. Kirche am Markt in Blankenese

ERÖFFNUNG: 10.2.2016, 20:00 Uhr
Einführung: Thomas Sello | Musik: Missunde-Duo

Für Ute Klapschuweit steht der Totentanz für die Vergänglichkeit, die Endlichkeit des Lebens. Die Hamburger Künstlerin begann mit einer Holzschnitzlehre in Oberammergau, bevor sie an der Münchener Kunstakademie bei Olaf Metzel Bildhauerei studierte. Als Museumspädagogin der Kunsthalle fühlt sie sich in der Tradition barocker Stillleben: verwelkte Blumen etwa oder Frühstücksreste, deren delikate Schichtenmalerei Sinnbilder für den Tod und das Kreuz sind. Und so ergeht es der Malerin, wenn sie mit dem Tuschpinsel, in schwebender Leichtigkeit, die Umrisse, Schatten und das Licht ihrer tanzenden Paare entstehen lässt. Jeder Pinselstrich ist ein Genuss fürs Auge, wie etwa in den Aquarellen von Emil Nolde. So kommt der „wilde Knochenmann“ nicht als Bedrohung, sondern eher als Freund, um in „seinen Armen zu schlafen“, wie es Matthias Claudius in seinem Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ schrieb, das Franz Schubert durch seine Melodie unvergänglich machte. Und er kennt keine sozialen Unterschiede. Denn „alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume.“ (1. Petrus Kap. 1, Vers 24)

© Fotos: K. Silva

Thomas Sello // zur Finissage der Ausstellung mit Ute Klapschuweit

Sei guten Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen.

So ließ Matthias Claudius sein Gespräch zwischen dem Tod und dem Mädchen enden, das  1775 als Poetische Blumenlese veröffentlich wurde. Franz Schubert fand vierzig Jahre später hierzu die wunderbare Melodie.

Doch so sanft geht es in der christlichen Bildtradition nicht zu. Seit dem ausgehenden Mittelalter gehört der oft wilde Tanz mit dem Tod zum Kanon der Kunst. Sei es die Malerei auf einer Baseler Friedhofsmauer von 1440, die für Hans Holbein die Anregung zu einer Serie von Holzschnitten gab, oder der Bilderzyklus, den Bernt Notke für Kirchen in Lübeck und Tallinn malte: Der Totentanz beschäftigt die Künstler seit Beginn der Neuzeit, als der Tod vor allem durch die Pest allgegenwärtig wurde, genauso wie durch die Opfer von Kriegen, Hunger und sozialen Unruhen. Und das Thema beschäftigt die Künstler bis in die Gegenwart, etwa in der Totentanzfolge an der Gedenkstätte Plötzensee, wo der berühmte Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka Mitte der 60er Jahre eine Bilderfolge schuf, die die Bedrohung durch Gewalt, Macht und Willkür zum Thema hat. Täglich handeln Nachrichten von den Opfern, den Flüchtlingen, und Künstler reagieren auf ihre Weise.

Für Ute Klapschuweit steht der Totentanz für die Vergänglichkeit, die Endlichkeit des Lebens. Die Hamburger Künstlerin begann ihre Ausbildung als Holzschnitzerin in Bad Oeynhausen; bald wechselte sie nach Oberammergau. Dann kam der Kulturschock mit dem Sprung in die Großstadt zur Münchener Kunstakademie, wo sie bei Prof. Erich Koch die traditionelle Bildhauerei studierte, während sie bei Prof. Olaf Metzel  Bildhauerei mitten ins zeitgenössische Kunstgeschehen flog.  Seit 1993 lebt sie in Hamburg als freie Künstlerin und Museumspädagogin der Hamburger Kunsthalle, sie leitet seit 20 Jahren das Sommerferien-programm im Botanischen Garten und engagiert sich für die künstlerische Arbeit mit Flüchtlingskindern.

Durch die hervorragende Sammlung holländischer Malerei in der Kunsthalle fühlt sie sich in der Tradition barocker Stillleben verbunden, verwelkten Blumen, totem Geflügel oder Frühstücksresten, dargestellt in feinster Schichtenmalerei als Sinnbilder für den Tod und das Kreuz. Und so versteht  auch Ute Klapschuweit ihre Tuschzeichnungen, wenn sie mit dem Pinsel in tänzerisch schwebender Leichtigkeit die Umrisse, Schatten und das Licht durch das Weglassen der Farbe entstehen lässt. Jeder Pinselstrich ist ein Genuss fürs Auge, wie wir es etwa in den Aquarellen von Nolde kennen. So kommt der „wilde Knochenmann“ nicht als Bedrohung, sondern eher als Freund, um in seinen Armen zu schlafen, wie es Matthias Claudius in Worte fasste.

Aber der Schlaf scheint bei Ute Klapschuweit in weite Ferne gerückt. Für sie ist der spontane Duktus des Tuschpinsels das angemessene Ausdrucksmittel: ihre langjährige Erfahrung mit dieser Technik und dennoch der Unberechenbarkeit der fließenden Farbe. Mal spürt man die Fülle an Tusche, mal lässt sich beobachten, wie der Pinsel leer gestrichen wird, bis zum letzten Hauch – die schwarze Farbe - vergeht, wie das Leben, und entwickelt dabei ihre Schönheit. Es sind Momentaufnahmen, Schatten, wie sie die griechische Mythologie kennt, im Reich der Unterwelt, in das sich Christoph Willibald Gluck mit seiner Oper Orpheus und Eurydike etwa zeitgleich mit Matthias Claudius begab.

Für Ute Klapschuweit gibt es noch einen weiteren Aspekt, der den Tod als Freund erscheinen lässt: Er hebt die sozialen Unterschiede auf, wie es Petrus in seinem ersten Brief formuliert hat: "Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume.“ (1. Petrus Kap. 1, Vers 24).

Und so blicken wir auf die Passionszeit, die in unserer Gemeinde mit dem Aschekreuz am Aschermittwoch begann und  in diesem Jahr mit dem Requiem von Johannes Brahms am Karfreitag enden wird. Brahms hat die Worte Petri hat an eine zentrale Stelle seines Chorwerkes gesetzt, das mit den Worten der Bergpredigt „Selig sind, die da Leid tragen“ beginnt und mit der Verheißung endet: Selig sind die Toten

 

Thomas Sello

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