Peter Krahé: Geträumte Bilder

Atelierbesuch im Künstlerhaus Gaußstraße 51, Freitag 3. Juli / Musik: Brigitte Bollmann (Klavier)
Ausstellung im Gemeindehaus, Mühlenberger Weg 64, bis zum 12. Juli 2015
(Mo - Fr - 9-12, Mo - Do 15-17 Uhr - So: nach dem Gottesdienst)

Seit fünfzig Jahren hat Peter Krahé -geb. 1941- seine Träume in Texten und Zeichnungen unmittelbar nach dem Erwachen festgehalten. Aus diesen Notizen sind in den vergangenen zehn Jahren phantastische Gemälde entstanden.

Die Erde ist wüst und leer „und es war finster aus der Tiefe“, wie es am Anfang der Bibel heißt. Dort hinein malt Peter Krahé seine saftigen Margeriten, wurzellos, da die fünf Stiele an beiden Enden Blüten tragen. Eine Erfindung des Malers? Keineswegs, denn genau so hat der Künstler sie im Traum gesehen. Diese Beschreibung gilt einem der ganz kleinen Bilder, die am Eingangspfeiler hängen. Finster, wie der Anfang der Welt, sind viele der ausgestellten Werke, und aus der Tiefe kommen sie gewiss auch.

Peter Krahé // ein Text von Thomas Sello

Peter Krahé: Geträumte Bilder

Die Erde ist wüst und leer „und es war finster aus der Tiefe“, wie es am Anfang der Bibel heißt. Dort hinein malt Peter Krahé seine saftigen Margeriten, wurzellos, da die fünf Stiele an beiden Enden Blüten tragen. Eine Erfindung des Malers? Keineswegs, denn genau so hat der Künstler sie im Traum gesehen. Diese Beschreibung gilt einem der ganz kleinen Bilder, die am Eingangspfeiler hängen. Finster, wie der Anfang der Welt, sind viele der ausgestellten Werke, und aus der Tiefe kommen sie gewiss auch.

Denn seit über fünfzig Jahren hält Peter Krahé seine Träume in Worten und Skizzen fest, in den wenigen Sekunden nach dem Erwachen, bevor sie verloren gehen. Stift, Taschenlampe und Papier liegen bereit für den „Traumpaparazzo“, wie sich der Künstler scherzhaft nennt, dessen Neugier keine Grenzen kennt. Doch erst vor rund fünfzehn Jahren begann er, die Traumprotokolle und Skizzen in großformatige Zeichnungen und Ölbilder zu verwandeln, denn auch die Farben der Träume sind gelegentlich notiert. Dank einer altmeisterlichen Maltechnik werden die feinsten Details einer Welt erfasst, in der die Naturgesetze und die Einheit von Zeit und Ort keine Gültigkeit haben, verrückte Visionen von Glück und Bedrohung, wie wir sie von den Surrealisten kennen, Max Ernst, Giorgio de Chirico oder Salvatore Dali. Doch damit ist der Traum in der Kunstgeschichte nicht ausgeträumt, so wie die Menschen seit Jahrtausenden träumen und gewiss immer weiter phantasieren und träumen werden.

Die Bibel berichtet im 1. Buch Mose von so manchen wundersamen Träumen und Träumern. Der erste war der junge Jacob, bevor er vor seinem Bruder Esau zu Onkel Laban flüchtete: „Ihm träumte und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott. Das Land, darauf Du liegst, will ich Dir und Deinen Nachkommen geben.“

Joseph, der Lieblingssohn Jacobs, war dann der nächste Träumer: Der Traum von den Garben auf dem Felde, die er mit seinen elf Brüdern band, und die sich vor der von Joseph gebundenen Garbe verneigten und der andere Traum, in dem sich die Sonne, der Mond und noch elf Sterne Joseph huldigten. Wunderbar ist es, wie Thomas Mann in seinem großen Roman aus den 1930er Jahren die Traumgeschichten ausschmückte, zu der dann auch Pharaos Träume gehören:

Mir träumte, ich stand am Ufer des Nils und sah aus dem Wasser steigen sieben schöne, fette Kühe; sie gingen auf der Weide im Gras. Und nach ihnen sah ich andere dürre, sehr hässliche und magere Kühe heraussteigen. Ich habe in ganz Ägyptenland nicht so hässliche gesehen. Und sie sieben mageren und hässlichen Kühe fraßen die sieben ersten, fetten Kühe auf. Und als sie die hineingefressen hatten, merkte man’s ihnen nicht an, dass sie die gefressen hatten, und waren hässlich wie zuvor. Da wachte ich auf.

Pharao hatte weder Taschenlampe, noch Stift und Papier zur Hand wie Peter Krahé, um den Albtraum im Bild festzuhalten und die Erscheinung damit gut sein zu lassen. Das bloße Erzählen der Träume genügte dem Ägypter nicht, schaffte vielmehr so viel Unruhe bei ihm, dass er und seine Traumdeuter ratlos waren. Und so musste Joseph, ein hebräischer Jüngling,  aus dem Gefängnis geholt werden: Joseph, der es ja schon bestens mit seinen eigenen Träumen geübt hatte, erhielt so die Chance, durch die Traumdeutung Pharaos wichtigster Mann zu werden.

Peter Krahé schien das Aufschreiben und Zeichnen der Träume zu genügen, als er vor über 50 Jahren damit begann. Eigentlich wollte er damals Tagebuch führen, doch daraus wurden Traumnotizen. Schon der erste Tagebucheintrag vom 1. Mai 1963 handelt von Träumen: „Ich befinde mich mit anderen Kunstschülern in einem riesigen Raum, der von Kunstgegenständen (Bildern, Plastiken) und Kunstbüchern förmlich überladen ist. Eine konzentriert aktive Atmosphäre. Beschäftigung mit allen Bereichen der Bildenden Kunst zugleich. Nebenan (Treppenflur) ca. 7 Flügel, an denen junge Menschen unter Anleitung ein Thema mit Variationen einer nach dem anderen (hinzu) einsetzend zu spielen beginnen … Sollte dies die Einrichtung einer idealen Kunstschule sein, in der alle Zweige der Kunst (Bildende Kunst, Musik, Theater, Tanzsport u.a.) zusammengefasst werden und ein jeder neben der Fachausbildung eine künstlerische Gesamtausbildung bekommt?“

Erst vor etwa 15 Jahren begann Peter Krahé, geb. 1941, seine Traumnotizen in Malerei umzusetzen. Er studierte an der Hamburger Kunsthochschule, bevor er 1970 Assistent bei Paul Wunderlich wurde. 1981 – 2008 war er Dozent an der Fachhochschule für Kunst + Design in Hannover. Seitdem quillt sein Atelier in der Altonaer Gaußstrasse über von Visionen jenseits der Wirklichkeit.

Dass es in den Träumen auch Klänge gibt, haben wir ja schon erfahren. Da kann es dann auch so lauten: „Ein Bild wird in eine Art Maschine eingeführt. Die Farbklänge werden in musikalische Klänge umgewandelt. Das Bild wird zur Musik. Auswertung: Untersuchung der jeweiligen Klänge in ihrer Entsprechung auf mathematischer Basis (Lichtfrequenz – Tonfrequenz)

Mit der lange befreundeten Blankeneser Pianistin Brigitte Bollmann ist der Maler dieser Frage auf der Spur. Sie fand zur Ausstellungseröffnung mit Prokofjew, Schumann und Debussy die passenden Traumklänge.

 

Thomas Sello

 

 

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